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Mai ki hāpī tātou i te taiˈo ˈe i te papaˈi i to tātou ˈarero Rapa Nui

„Ahu Tongariki“ von Ride to dine (CC BY-NC 2.0)

Auf Spanisch lautet der o.g. Titel Aprendamos a Leer y Escribir Nuestra Lengua Rapa Nui (auf Deutsch in etwa: „Lasst uns lernen unsere Sprache Rapanui zu lesen und zu schreiben“) und bezeichnet eine Lehrburchreihe für die Sprache der indigenen Bevölkerung der Osterinsel (= Rapa Nui), das jüngst für unseren Bestand hinzugewonnen werden konnte.

Rapanui (auch „Pascuense“ genannt) gehört zur austronesischen Sprachfamilie und zum Zweig der polynesischen Sprachen – ist also verwandt mit den meisten anderen Sprachen Ozeaniens, z.B. Tahitianisch* oder Maori – und ist der einzige Vertreter dieser Familie auf dem gesamten, politisch zum amerikanischen Kontinent gehörenden Gebiet. Seit Eintreffen der ersten Europäer*innen 1722 hat die Sprache einen schweren Stand: Zunächst aufgrund des durch Krankheiten und durch Umsiedlung ausgelösten Bevölkerungsrückgangs (nur noch 230 Rapanui in 1871, vgl. Pagel 2010) und dann, nach der Annexion durch Chile in 1888, wegen der zunehmenden Konkurrenz mit dem Spanischen. Die letzten Überreste der alten Rapanui-Kultur verschwanden in den 1920er Jahren, das tahitianisch geprägte ‚moderne‘ Rapanui erfreute sich zu diesem Zeitpunkt jedoch – als Low-variety in einem diglossischen Verhältnis mit dem Spanischen – einer gewissen Stabilität. Ab 1934 wird aber Spanisch ausschließliche Unterrichtssprache und die Verwendung von Rapanui in der Schule wird mit Sanktionen belegt. 1966 erhalten die Rapanui zwar erstmals Bürger*innenrechte, die Einrichtung einer regelmäßigen Fluglinie zwischen der Insel und dem Festland beendet aber auch die Isolation, die der Sprache noch einen gewissen Schutz geboten hatte. Eine Phase der rapiden Akkulturation folgt, getragen von ökonomischen Interessen, aber auch begünstigt durch den Tourismus und beschleunigt durch die audiovisuellen Medien.

Ausgerechnet während der Pinochet-Diktatur in den 70er Jahren wird dann Rapanui als Unterrichtsfach eingeführt. Die über Jahrhunderte erfahrene Abwertung bewirkte jedoch, dass die Rapanui selbst dem Sprachunterricht erst einmal skeptisch gegenüber standen, da sozialer und ökonomischer Aufstieg nach wie vor mit (guten) Spanischkenntnissen verbunden war. Erst durch eine Wende in der (Selbst-)Wahrnehmung in den 1980er Jahren gelingt es, Kräfte gegen die zunehmende Chilenisierung zu mobilisieren. Diese äußern sich nicht nur in Form von Forderungen nach mehr politischer Autonomie, sondern auch in einer Neubewertung des spanisch geprägten (hybriden) Rapanui, das sich nun allmählich zur inselweit dominanten Alltagssprache entwickelt. Prognosen zur zukünftigen Vitalität der Sprache sind zwar weiterhin eher zurückhaltend, die Hegemonie des Spanischen auf der Osterinsel ist jedoch auf jeden Fall gebrochen.

In diesem Kontext ist auch die vorliegende Lehrbuchreihe entstanden (Copyright-Datum: 1990). Sie wurde vom Programa Lengua Rapa Nui entwickelt, das auf eine Kooperation zwischen der Universidad Católica de Valparaíso und dem Instituto Lingüístico de Verano zurückgeht. Auch wenn sie nicht ganz rezent ist, ist sie trotzdem in einem sehr guten Zustand. Außerdem ist sie die Einzige ihrer Art, die im deutschsprachigen Raum verfügbar ist. Sie besteht aus insgesamt 6-Lehrbänden, sowie einem Band, der sämtliche Übersetzungen der Lehr- und Arbeitstexte ins Spanische enthält**. Die Arbeitsbücher sind aufsteigend nummeriert (1. Te puka ra’e, 2. Te rua puka, 3. Te toru puka, 4. Te ha puka, 5. Te rima puka, 6. Te ono puka), die Nummerierung der Bände spiegelt dabei den Komplexitätsgrad der Lektionen und somit die Zielsprachkompetenz wider. Die Einbände sind farblich ansprechend gestaltet und bilden z.T. auch Symbole ab, die stark an die bislang noch nicht entzifferte Rongorongo-Schrift erinnern.

Buch 1 (Te puka ra’e), Text 1

Wie der Titel bereits nahelegt, sind die Lehrwerke für eine muttersprachliche Leserschaft konzipiert („Nuestra Lengua“), dementsprechend wird direkt zu Beginn schon ein gewisser Kenntnissstand vorausgesetzt (s. Abbildung o.). Die Inhaltsauswahl und Methode lässt ferner vermuten, dass das primäre Ziel die Alphabetisierung von Kindern ist. Durch die Übersetzungen ins Spanische und dem eher intuitiven Ansatz, ist es jedoch auch Uneingeweihten möglich, sich mit dieser polynesischen Sprache vertraut zu machen.

Mit steigender Kompetenz, werden nicht nur die Texte länger und komplexer, auch die Inhalte verändern sich. In Bd. 6 wird z.B. die Geschichte der Besiedelung der Insel (zwischen 700 und 1200 n.Chr.) erzählt, bis zur Ankunft der ersten „Fremden“ (Te tu’u iga mai o te nu’u papa’ā ki Rapa Nui*** = „La llegada de extranjeros a Rapa Nui“). Hier wird auch (vermeintlich) altes und mündlich tradiertes Wissen festgehalten: In den Danksagungen von Bd. 6 wird beispielsweise jemand „por su narración del cuento antiguo“ lobend erwähnt.

Buch 6 (Te ono puka), Text 8

Unser Bestand zur Sprache und zum Volk der Rapanui (die Bezeichnung umfasst beide Bedeutungen) geht jedoch weit über den Sprachkurs hinaus. Interessierte können zusätzlich auf eine Grammatik, ein Wörterbuch (s. Abbildung u.), sowie diverse ethnologisch und linguistisch orientierte Monographien zurückgreifen (s. Auswahlliteratur). Jene, die bereits eine gewisse Kompetenz haben, können bei uns auch originalsprachige Literatur ausleihen. Allen, die einen (ersten) Höreindruck wünschen, können wir dieses (Kinder-)Hörspiel auf Rapanui ans Herz legen. Wir wünschen viel Spaß beim Stöbern und viel Erfolg beim Lernen!

„Comidas: Food / Les plats cuisinés“, in: Hernández Salles / Ramos Pizarro 2001: 24f.

*So haben französische Missionare im 19. Jahrhundert, unter Zuhilfenahme von Büchern in tahitianischer Sprache und trotz der von ihnen festgestellten sprachlichen Divergenz, binnen kürzester Zeit die Inselbevölkerung zum Christentum bekehren können. Die Folge dieser pragmatischen Herangehensweise sei allerdings, dass das Rapanui, wie es vor dem Kontakt mit Europäern*innen noch gesprochen wurde, kaum noch rekonstruiert werden könne (vgl. Langdon/Tryon 1983, Pagel 2010).

**Laut WorldCat existiert noch ein Bd. 7 bestehend aus „Guías didácticas“. In Bd. 8. finden sich die erwähnten Übersetzungen.

*** das Graphem <g> in „iga“ trägt eigentlich ein Trema < ̈ >, das hier allerdings nicht in korrekter Weise dargestellt werden kann.

Auswahlliteratur

Böhm, Gerhard: „Guancho“-Pascueño? Eine Hypothese zur Kulturgeschichte der Osterinsel. Wien: Afro-Pub, 2001.

Gramática fundamental de la lengua rapanui. Comisión para la Estructuración de la Lengua Rapanui. Santiago [Chile]: Ed. Platero, 1996.

Hernández Salles, Arturo / Ramos Pizarro, Nelly et al.: Diccionario ilustrado – rapa nui, español, inglés, francés. Santiago [Chile]: Pehuén Ed.: 2001.

Langdon, Robert / Tryon, Darrell: The Language of Easter Island – Its Development and Eastern Polynesian Relationships. 1983.

Pagel, Steve: Spanisch in Asien und Ozeanien. Frankfurt a.M. [u.a.]: Lang, 2010.

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