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Die Frau, die den Naturalismus nach Spanien brachte

Anfang des Jahres jährte sich der Todestag des Autors Benito Pérez Galdós (1843-1920) zum 100. Mal, weswegen – trotz aller bizarren Entwicklungen, die 2020 bisher zu bieten hatte – in ganz Spanien an einen der berühmtesten Vertreter des spanischen Realismus erinnert wird. Erst in den 1970er Jahren, als seine Korrespondenz mit Emilia Pardo Bazán veröffentlicht wurde, kam ans Licht, dass beide 20 Jahre lang eine geheime Liebesbeziehung unterhielten.

(Fotografie in der Zeitschrift Actualidades, no. 14. Quelle: Hemeroteca Digital de la Biblioteca Nacional de España)

Emilia Pardo Bazán wurde 1851 in A Coruña (Galicien) in eine wohlhabende Familie hineingeboren, die früh ihr literarisches Talent erkannte und förderte. Schon 1876 erhielt sie öffentliche Anerkennung für ihr Schaffen, als sie einen Essaywettbewerb mit einem literaturkritischen Beitrag zu Benito Jerónimo Feijoo gewann. Selbst nachdem sie Ehefrau und Mutter wurde, blieb ihr schöpferischer Eifer ungebremst: Sie veröffentlichte z.B. ihren einzigen Gedichtband Jaime nach Geburt ihres ersten Kindes, ihren ersten Roman Pascual López im Geburtsjahr ihrer ersten Tochter. Nachdem ihr Werk La cuestión palpitante in ihrem Heimatland – u.a. wegen Plagiatsvorwürfen – einen regelrechten Skandal auslöste, versuchte ihr Ehemann jedoch sie zu überreden die Feder niederzulegen. Die Ehekrise führte 1884 schließlich zur Trennung des Paares und veranlasste Emilia zu einem Tapetenwechsel. In Paris, während der Weltausstellung, wurde sie in die dortigen literarischen Zirkel eingeführt, wo sie u.a. Mallarmé, die Gebrüder Goncourt und Zola kennen lernte. Vor allem Émile Zola und die Literaturbewegung, die er begründete, sollten großen Einfluss auf sie haben. Emilia Pardo Bazán wird häufig zugeschrieben, den Naturalismus nach Spanien gebracht zu haben – ihr dritter Roman La Tribuna (1882) gilt als ihr erstes naturalistisches Werk.

Ihre Arbeit ist jedoch nicht nur literarisch relevant. Sie gilt auch als eine der ersten spanischen Feministinnen, da sie in ihren Schriften regelmäßig die Dominanz von Männern in sämtlichen Domänen des öffentlichen Lebens anprangerte und Reformen zur Gleichstellung von Frauen forderte. In die Real Academia de la Lengua Española wurde sie selbst trotz mehrfacher Bewerbung nie aufgenommen, allerdings wurde sie als erste Frau Mitglied des 1820 gegründeten Ateneo de Madrid und erhielt 1916 sogar den Lehrstuhl für romanische Literaturen an der Universidad de Madrid (heute: Complutense) . In den Worten ihrer Biographin Isabel Burdiel ist Pardo Bazáns womöglich größter Verdienst bezüglich der Rolle der Frau in der Gesellschaft eine rhetorische Verschiebung (also die „Grenzen des Sagbaren“) bewirkt zu haben. Im Spanien des 19. Jahrhunderts wurde ihr und ihren Zeitgenossinnen keine Individualität zugestanden, Frausein wurde bis dahin stets nur in Abgrenzung zum Mannsein bzw. im Zusammenhang mit Mutterschaft und Familie definiert. Gegen diesen Zeitgeist hat Emilia Pardo Bazán mit einer beeindruckenden Zahl von Publikationen rebelliert und sich dabei – stellvertretend für ihr Geschlecht – als denkendes und agierendes Subjekt positioniert, das eigene Beweggründe und Ziele hat, die auch dann legitim sind, wenn sie außerhalb des ihnen traditionell zugewiesenen Spektrums von Heim und Herd liegen.

Biographin Isabel Burdiel über Person und Werk (Fundación Juan March).

Dennoch ist Pardo Bazáns Legat auch durchaus kritisch zu betrachten. Bei aller Fortschittlichkeit ist ihr Feminismus trotzdem ein konservativer, da sie in ihren Forderungen auch stets versuchte ihre katholisch geprägte Weltanschauung zu integrieren. Womöglich sind diesen Überzeugungen auch ihre fragwürdigsten, da eindeutig antisemitischen Positionen geschuldet. So relativierte sie beispielsweise öffentlich die Antisemitismusvorwürfe in der Dreyfus-Affäre: „La cruzada contra Dreyfus se explica, y al explicarse queda medio justificada“ (Guereña 2003). Außerdem rezipierte sie rassistisches Gedankengut, wie z.B. die „kriminologischen“ Lehren von Cesare Lombroso, das auch in ihre naturalistischen Werke eingeflossen ist.

Eine abschließende Bewertung dieser sonderbaren Schriftstellerin darf sich folglich weder in verklärenden Lobpreisungen, aber auch nicht in anachronistischer Kritik erschöpfen. Hinsichtlich sozialdarwinistischer Kulturhybris war Emilia Pardo Bazán sicherlich ganz „am Puls der Zeit“ – was in diesem Falle keineswegs als Lob zu lesen ist – in manch anderer Hinsicht war sie ihrer Zeit aber auch weit voraus war. Nicht nur hat sie den ästhetischen Wandel in der Literatur frühzeitig erkannt und – zumindest in Spanien – mitgestaltet, sie konnte sich trotz systemischer Benachteiligung und ständiger Versuche der Herabsetzung und Diffamierung aufgrund ihres Geschlechts in einem überwiegend männlichen Betätigungsfeld – und einer absolut männlich geprägten Gattung – durchsetzen und sich als ernstzunehmende Figur des literarischen Geschehens ihrer Zeit behaupten. Den Wissenschaften zugewandt und der avantgardistischen Kunst gegenüber aufgeschlossen, verkörpert sie paradoxerweise auch einen modernen Menschen, der gar nicht oft genug den Wert von Bildung betonen konnte, vor allem für die Emanzipation der Frauen. Wer sich zur Autorin und ihrem Werk ein eigenes Bild machen will, wird hier im IAI fündig.

Auswahlliteratur

Burdiel, Isabel (2019): Emilia Pardo Bazán. Barcelona : Taurus ; [Madrid] : Fundación Juan March.

Fernández, Pura / Ortega, Marie-Linda (2008): La mujer de letras o la „letraherida“ : discursos y representaciones sobre la mujer escritora en el siglo XIX. Madrid : Consejo Superior de Investigaciones Científicas.

[1] Guereña, Jean-Louis (2003): „‚Aunque fuera inocente …‘ El ‚Affaire‘ Dreyfus y el antisemitismo en la crisis española de fin de siglo». In: Pere Joan i Tous (Ed.). El olivo y la espada: Estudios sobre el antisemitismo en España (siglos XVI-XX) (Tubinga: Max Niemeyer Verlag GmbH): 341-362.

Hoffman, Joan M. (2015): Voces femeninas de España : una antología. San Juan, Puerto Rico : Penélope Academic Press.

Pardo Bazán, Emilia (2017): Los pazos de Ulloa. Edición, estudio y notas de Ermitas Penas. Con un ensayo de Darío Villanueva. Madrid : Real Academia Española ; Barcelona : Círculo de Lectores ; Madrid : Editorial Espasa Calpe.

– (2015): Belcebú y otras novelas cortas. Edición de Ricardo Virtanen. Sevilla : Renacimiento.

– (2005): La vida contemporánea. Madrid : Area de Las Artes.

Pérez Romero, Emilia (2016): El periodismo de Emilia Pardo Bazán. Vigo, Pontevedra : Editorial Academia del Hispanismo.

Stockmeier, Barbara (2007): Die Konstruktion weiblicher Identität im Werk von Emilia Pardo Bazán. Duisburg, Köln : WiKu.

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