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Die Repräsentation Kolumbiens in den Medien. Traumziel versus Narco-Sumpf?

Von Nina Schieting

Gibt man bei der Google-Suche Kolumbien in die Suchleiste ein, so erscheint gleich unter den standardmäßigen Schlagwörtern „Flagge“, „Sprache“ und „Hauptstadt“ der Begriff „gefährlich“. Entscheidet man sich hier dann dafür einfach nur Kolumbien zu suchen, erscheinen einem nach dem Wikipedia-Artikel wie gewohnt vier ähnliche Fragen. Diese lauten im Falle Kolumbiens: „Wie gefährlich ist es in Kolumbien?“, „Für was ist Kolumbien bekannt?“, „Wie gefährlich ist Cartagena?“ Und „Wie gefährlich ist Bogota?“. Doch warum ist das so?

Die meisten eifrigen Netflix-Nutzer könnten hierzu vermutlich bereits eine lange Liste an Gründen aufzählen. So gilt die US-amerikanische Serie Narcos, die über die Drogenkartelle in den 1980er und 1990er Jahren in Kolumbien berichtet, weltweit als eine der sehenswertesten Serien auf Netflix. Die Serie, in deren Mittelpunkt Pablo Escobars Drogenkartell steht, ist dabei zwar an die dahinterstehende Geschichte angelehnt, wurde aber natürlich auf Grund von zusätzlicher Spannung hier und da auch verändert. So bestätigte auch der Produzent Eric Newman, dass die Erfolgsserie ein Verhältnis von 50-50 zwischen Fiktion und Realität fährt, wobei auf einen möglichst stringenten linearen Ablauf geachtet wird.  

Jedoch können wir als Zuschauer nicht nur bei Narcos einen Blick auf den bevölkerungsmäßig zweitgrößten Staat Südamerikas werfen. Auch im Traumschiff, der ZDF-Erfolgsserie seit den 1980er Jahren, ging es am 1. Januar 2020 nach Kolumbien. Wie für diese Serie üblich stehen hierbei jedoch nicht die Geschichte des jeweiligen Landes im Mittelpunkt, sondern die zumeist heiteren Verwicklungen der Passagiere des Kreuzfahrtschiffs, welche von eindrucksvollen Landschaftsbildern untermalt sind.

Die einzigartige Landschaft Kolumbiens führte wohl auch dazu, dass es Kolumbien im Jahr 2015 auf die Liste der zehn besten Forbes-Reiseziele schaffte. Die karibischen Küsten und Inseln, die Kopfsteinpflasterstraßen in Cartagena, sowie die Amazonas-Wälder und die herzliche Willkommenskultur der Bevölkerung machten das Land immer attraktiver und beliebter. Auch die bekannte Sängerin Shakira, die in Barranquilla geboren wurde, sowie der Sänger Juanes aus Medellín lenken seit einigen Jahren das Augenmerk der Öffentlichkeit auch auf andere Seiten Kolumbiens. So zeigen sie die große Rolle der Musik in Kolumbien, wo, egal ob im Bus, in Geschäften oder auf der Straße, fast immer ein heiteres Treiben herrscht.

Der Kampf gegen die Gewalt und den Drogenhandel ist also nur ein Teil dieses vielfältigen Landes. Dennoch zieht dieser Teil ein beachtliches Augenmerk auf sich. Vor Reisen in das südamerikanische Land wird oft gewarnt. Wobei hierfür nicht nur die Drogenkartelle, sondern auch die Guerilla Gruppen, allen voran die FARC (Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) , verantwortlich sind. Oftmals wird jedoch in den Medien, sei es nun bei Narcos oder in den Nachrichten selbst, nur ein Bruchteil der komplexen Geschichte, Vielfalt und Schönheit des Landes gezeigt. So entsteht nicht selten ein Bild eines „gefährlichen“ und korrupten Landes, von dem sich deutsche Touristen lieber fernhalten sollten, wobei die anderen Seiten des Landes und die Willkommenskultur in Kolumbien sowie die Vorliebe für Tanz und Musik vollkommen außer Acht gelassen werden. Wenn wir also das nächste Mal Kolumbien googlen, sollten wir vielleicht den uns stets so beeinflussenden Algorithmus insofern manipulieren, indem wir die Schreckensmeldungen auch einfach mal gut sein lassen und uns der Schönheit dieses Landes widmen. Dabei sollte man natürlich den, auch die heutige Zeit noch so prägenden Teil der Geschichte, nicht ignorieren, jedoch sollte man sich auch nicht einreden lassen, dass das aktuelle Kolumbien einer Netflix-Dramaserie entspricht. Die Wahrheit liegt also, wie so oft, irgendwo in der Mitte.

Dieser Blogbeitrag wurde verfasst von Nina Schieting, die an der Eberhard Karls Universität Tübingen Spanisch und Englisch (Parallelstudium Master of Education/Master of Arts Romanische Sprachwissenschaft studiert und in der Zeit vom 1.3.-16.4.2021 ein Online-Praktikum in der Bibliothek des Ibero-Amerikanischen Instituts absolvierte.

Narcos im IAI ausleihen:

Moura, Wagner. Narcos ; Die Komplette Staffel Eins. Polyband Medien GmbH, 2016.

Moura, Wagner, et al. Narcos ; Die Komplette Staffel Zwei / [Actors: Wagner Moura, Boyd Holbrook, Joanna Christie Und Andere]. Polyband Medien GmbH, 2017. 

Literatur zum Stöbern:

“Colombia Es Fantasia, Puntaje Ideal y Fiesta.” La Nacion de Argentina, 25 June 2014

Colombia Es Una Fiesta. SATENA, 2016

Contreras, Jaime. FARC-EP : Insurgencia, Terrorismo y Narcotráfico En Colombia Memoria y Discurso / Jaime Contreras. Editorial Dykinson, 2018. 

Diehl, Oliver, and Randolph Ochsmann. Simpático versus Cuadrado : Kulturelle Merkmale Im Kontakt zwischen Kolumbianern Und Deutschen, 2001. 

Diehl, Oliver. Kolumbien Im Fokus : Einblicke in Politik, Kultur, Vervuert, 2001. 

González Bustelo, Mabel. Narcotráfico y Crimen Organizado : ¿hay Alternativas? Primera edición, Icaria, 2014. 

Graaff, David. Kolumbien : Vom Failing State Zum Rising Star?  Ein Land Zwischen Wirtschaftswunder Und Humanitärer Krise ; Berlin: Wiss. Verl., 2013. 

Hennecke, Angelika. Zwischen Faszination Und Gewalt : Kolumbien – Unser Gemeinsamer Nenner ; Reflexionen Über Das Vernältnis Zwischen Kultureller Identität, Kommunikation Und Medien Anhand Der Diskursanalytischen Untersuchung Einer Kolumbianischen Werbekampagne, Lang, 2006. 

Specht, Martin. Narco Wars : Der Globale Drogenkrieg. 1. Auflage, Ch. Links Verlag, 2016. 

Vive Colombia Con Pasión : Edición Español, Frances e Ingles. Santore Editores S.A., 2007. 

Wilches Tinjacá, Jaime Andrés. Del Narcotraficante Ilegal Al Narcopopulismo Legitimado: A Análisis Del Discurso Político de Pablo Escobar En La Serie “Narcos” y En Medios Periodísticos. Universitat Pompeu Fabra, 2020.

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