Neue historische Fotoalben aus Mexiko

Erst im Juni haben wir von einem historischen Fotoalbum aus dem mexikanischen Morelia berichtet, das für die Sondersammlungen des IAI gewonnen werden konnte. Einen Monat später konnten wir weitere Fotoalben erwerben, die zum einen thematisch eine wertvolle Ergänzung darstellen, sich aber auch gut in bereits vorhandene Bestände integrieren. Das Erste stammt vom deutsch-mexikanischen Fotografen Hugo Brehme, von dem bereits mehrere Arbeiten im IAI zu finden sind, mit Fotos aus dem Zeitraum 1906-1914. Das Zweite enthält vor allem Fotografien um 1900 von Charles B. Waite, der ebenfalls der Autor mehrerer Materialien in den Nachlässen von Walter Lehmann und Eduard Seler ist.

Fotoalbum Hugo Brehme

Hugo Brehme wurde 1882 in Eisenach geboren und absolvierte 1898 seine fotografische Ausbildung in Erfurt. Kurz darauf, im neuen Jahrhundert, unternahm er erste Expeditionen nach Togo, Kamerun, sowie ins heutige Namibia und Tansania. Von 1905 bis 1907 bereiste er dann jenes Land, das zu seinem größten Faszinosum und seiner späteren Wahlheimat werden sollte: Mexiko. Nach dieser Reise veröffentlichte er zwei Fotobände im Eigenverlag: Das malerische Mexiko (1923) sowie die spanische Übersetzung México pintoresco (1923) und Mexiko: Baukunst, Landschaft, Volksleben (1925). Nach gescheitertem Immigrationsversuch in die USA, ließ sich Brehme 1914 mit seiner Frau Anna Elisa (geb. Wick) und ihrem jungen Sohn Arno in Mexiko-Stadt nieder, wo er ein Fotostudio eröffnete. Im Fotografía Artística Hugo Brehme fotografierte er selbst, beriet aber auch u.a. Vertreter der Moderne wie Tina Modotti, Manuel Álvarez Bravo oder Henri Cartier-Bresson in technischen Fragen. Wie der Name seines Studios verrät, verstand sich Brehme in erster Linie als Künstler, erkannte aber gleichzeitig die Notwendigkeit seine Arbeiten zu Geld zu machen. Er produzierte massenhaft Postkarten und verkaufte mitunter stark retuschierte Bilder an Zeitschriften (z.B. National Geographic). 1930 brach ein Brand in seinem Atelier aus, der einen teilweisen Verlust seiner Werke zur Folge hatte. Dank der frühen Publikation in Fotobänden, sind die meisten davon trotzdem der Nachwelt erhalten geblieben.

1953 wurde Brehme mexikanischer Staatsbürger. Heute gilt er einer der bedeutendsten mexikanischen Fotografen seiner Zeit, der maßgeblich die internationale Mexiko-Begeisterung der 1920er und 1930er Jahre mitgeprägt haben dürfte. 2003 wurde die Brehme-Sammlung der Fototeca Nacional in das UNESCO-Programm „Gedächtnis der Welt“ aufgenommen. Bis zu seinem Lebensende blieb Hugo Brehme seinem piktorialistischen Stil treu, verweigerte sogar die Umstellung auf Farbfilm, die erst sein Sohn wagen sollte. Arno Brehme widmete sich daraufhin jedoch der Werbefotografie und gab das Postkartengeschäft des Vaters nach dessen Tod auf (Schmidt-Welle 2014).

Neben dem jüngst erworbenen Album, finden sich seine Fotografien (ca. 450 Fotos, ca. 300 Probeabzüge und 76 Reproduktionen von Ausstellungen) im IAI teilweise in den Katalogen „Hugo Brehme. 1882-1954. Fotograf. Mexiko zwischen Revolution und Romantik” (Berlin 2004) und “Hugo Brehme y la Revolución Mexicana: una exposición del Servicio Alemán de Intercambio Académico, de la Embajada de la República Federal de Alemania en México y de la Cátedra Extraordinaria Guillermo y Alejandro de Humboldt” (Mexiko-Stadt 2009).

Fotoalbum C. B. Waite und weitere

Das zweite Fotoalbum stammt ebenfalls aus dem frühen 20. Jahrhundert und enthält Bilder verschiedener Fotografen:innen. Die allermeisten von ihnen stammen jedoch vom US-Amerikaner Charles Betts (C. B.) Waite, der wie Brehme ein Fotostudio in Mexiko-Stadt hatte. In diesem Studio ging die erlesene Gesellschaft des Porfiriato – so wird häufig die Zeit der Präsidentschaft von Porfirio Díaz, 1876-1910, genannt – sowie sein hauptsächlich aus US-Expats, wie dem Fotografen Winfield Scott, bestehender Freundeskreis ein und aus und ließ sich von Waite ablichten. Seine Bilder verschafften ihm internationale Bekanntheit und ökonomischen Erfolg und prägten wesentlich gerade das in den USA vorherrschende Mexiko-Bild mit.

[S]tarting in the 1870s, photographs of Mexico became ubiquitous in the United States, thanks to Waite and his cohort of photographers, writers, editors, and printers. The Americans who created and disseminated photographic representations of Mexico performed important cultural work, namely, the framing of Mexico as a backward but beautiful country right next door, a place in desperate need of modernization where the American dollar could be stretched and the intrepid investor richly rewarded. […] Waite not only circulated two-dimensional images depicting that nation and its inhabitants; he also taught Americans and others how to see and know Mexico through the photographic conventions that he established and reproduced.

Ruiz 2014: 23f.
Ein Grund, weswegen Waite und andere ausländische Fotografe:innen hohes Ansehen auch unter der Elite des Porfiriato genossen, war, dass diese Mexikos Modernisierungsambitionen dokumentierten.

Mit einem guten Blick für „interessante“ Sujets – also solche, die sich gut verkaufen ließen – hat Waite seine Ausrüstung häufig mit auf die Straße tragen lassen, um den Einschränkungen des Studios zu entkommen und möglichst „authentisch“ das Lebens der „einfachen Leute“ einzufangen. Dabei wirken einige Fotografien beinahe voyeuristisch bzw. spiegeln gewisse „erotische Eroberungsfantasien“ (Schmidt-Welle 2014: 148) wider, so wie sie häufig in zeitgenössischen europäischen oder „westlichen“ Darstellungen des Anderen hindurchschimmern. Problematisch ist auf jeden Fall die Ästhetisierung von Armut, die sich in den Bildern nicht selten auch als Nacktheit (gerade von Kindern!) materialisiert. Tatsächlich kam Waite 1901 kurzzeitig aufgrund des Verdachts von Pornographie ins Gefängnis, als er eine Sammlung von Bildern mit dem Titel „Indigenous Children of Mexico“ per Einschreiben versenden wollte. Allerdings ist bis heute nicht abschließend geklärt, ob das Problem wirklich die Erotisierung von indigenen Körpern war, oder doch „nur“ die ostentative Dastellung von Armut, was so gar nicht der vom Regime gewünschten Außenwahrnehmung entsprach. Nach 3 Tagen und einem Bußgeld von 400 Pesos scheint die Klage jedenfalls fallen gelassen worden zu sein. Mit Ausbruch der Revolution, verließ Waite jedoch Mexiko in 1913, wo er immerhin ca. 3.500 Fotografien gemacht hatte.

Wie erwähnt enthält das zweite Album auch noch Fotografien und Postkarten anderer Fotografen:innen und Fotostudios (Roigé y Esplugas, Latapi y Bert, J. Granat). Ein interessantes Zeugnis für Waites kommerziellen Erfolg findet sich hier unter den Postkarten:

Das Bild von Porfirio Díaz zu Ross (rechts oben) scheint eine Nachkolorierung eines Bilds von C. B. Waite zu sein.

Wie alle Materialien der Fotothek können die Fotoalben über die Adresse legados@iai.spk-berlin.de bestellt werden. Der Benutzung muss jedoch notwendigerweise ein entsprechender Antrag vorausgehen, in dem das genaue Forschungsinteresse dargelegt wird. In der Bibliothek finden sich aber auch diverse Materialien zu den Fotografien Brehmes und Waites, sowie zur Geschichte der Fotografie in Mexiko.

Literaturempfehlungen und weitere Quellen

Hugo Brehme y la Revolución Mexicana: una exposición del Servicio Alemán de Intercambio Académico, de la Embajada de República Federal de Alemania en México y de la Cátedra Extaordinaria Guillermo y Alejandro e Humboldt. México : DAAD, Dt. Akad. Austausch-Dienst [u.a.], 2009. (Ausstellungskatalog)

México: Una nación persistente. Hugo Brehme, fotografías. México, D.F. : Inst. Nacional de Bellas Artes ; Museo Franz Mayer, 1995. (Ausstellungskatalog)

Montellano Ballesteros, F. D. Charles B. Waite: la época de oro de las postales en México. México, D.F. : Consejo Nacional para la Cultura y las Artes, 1998.

Ruiz, J. Americans in the Treasure House: Travel to Porfirian Mexico and the Cultural Politics of Empire. Austin, TX : University of Texas Press, 2014.

Schmidt-Welle, F. „‚Spezialität: Ansichten Mexikos‘ Hugo Brehme (1882-1954)“. In: G. Wolff. Forscher und Unternehmer mit Kamera: Geschichten von Bildern und Fotografen aus der Fotothek des Ibero-Amerikanischen Instituts, Berlin. IAI, 2014: 146-154.

Beitrag zu Hugo Brehme im Projekt Miradas Alemanas hacia América Latina.