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Digitale Ressourcen: Guatemalas kollektives Gedächtnis im WWW

Im dritten Teil unserer Länderreihe zu digitalen Bibliotheken und Archiven in Lateinamerika zieht es uns gen Norden, nach Guatemala.  Ähnlich wie bei Kolumbien und Uruguay gilt auch im Falle Guatemalas kein Anspruch auf Vollständigkeit, denn auch hier wandelt sich die Landschaft digitaler Bibliotheken und Archive schnell. Ein heute noch funktionierender Link kann morgen bereits in Leere führen, Projektwebseiten entstehen neu, andere verwaisen. Wir sind also über jeden Hinweis dankbar, der uns zu weiteren Digitalisierungsprojekten, Repositorien oder anderen Onlineressourcen aus und zum zentralamerikanischen Raum führt. Wir revanchieren uns gerne und unterstützen Sie bei Ihrer Recherche, schreiben Sie uns einfach eine Email: fid@iai.spk-berlin.de . Bevor wir loslegen: Eilige finden eine Auflistung direkt am Ende des Beitrags.

Öffentliche Gelder für den Ausbau digitaler Angebote sind in Guatemala in geringerem Maße vorhanden als beispielsweise in Uruguay oder Kolumbien. Nichtsdestotrotz wurden in den letzten Jahren verstärkt Kräfte gebündelt, um die nationale Forschungsinfrastruktur und dessen digitale Sichtbarkeit zu fördern. Ein Ergebnis dieser Bemühungen war der Aufbau einer beeindruckenden digitalen Plattform, die u.a. eine nationale Forscher*innendatenbank, Daten über die wissenschaftlichen Produktion im Land als auch eine Art Repositorium bietet, das Zugang zu unterschiedlichen Datenbanken bietet.

Hierüber können Interessierte beispielsweise Forschungsprojekte, die seit 1997 in Guatemala durchgeführt wurden, recherchieren oder auf die elektronischen Publikationen der Secretaría Nacional de Ciencia Tecnología e Innovación zugreifen. Empfehlenswert ist dieses Portal jedoch allein deshalb, da es bspw. die Kontaktsuche von Ansprechpartner*innen in Guatemala erleichtert und eine sehr gute Datenbasis über die Wissenschaftsproduktion liefert. Die dort verfügbaren Daten sind nicht nur in verschiedenen Datenformaten nachnutzbar, sie bieten auch einen interessanten Einblick in die Geschlechter- und Sozialverhältnisse guatemaltekischer Forschung.

https://nis.senacyt.gob.gt/portal/index.php/datos/12-indicadores/55-indicadores-2

Einen recht guten digitalen Fundus findet sich ebenfalls bei den Bibliotheken folgender Universitäten und Forschungsinstitutionen:

  • ASIES: Die digitale Bibliothek der Asociación de Investigación y Estudios Sociales (ASIES) bietet einen umfangreichen Bestand an Monographien und Zeitschriften aus Guatemala und Zentralamerika vorwiegend aus dem Bereich der Sozial- und Kulturwissenschaften, aber auch aus den Wirtschaftswissenschaften und anderen verwandten Disziplinen. Immerhin knapp 1000 Dokumente stehen hier im OpenAccess zur Verfügung. http://www.asies.org.gt/biblioteca-virtual/
  • Die Universidad Rafael Landívar verfügt über eine virtuelle Bibliothek, mit deren Hilfe auf die universitätseigenen Publikationen und andere Ressourcen zugegriffen werden kann. Besonders nutzerfreundlich sind weder die Webseite noch die Recherchetools, allerdings sind alle Ressourcen kostenfrei zugänglich. http://www.url.edu.gt/PortalBiblioteca/  
  • Digitalen Zugriff auf Monographien und Zeitschriften bietet auch die öffentliche Universidad de San Carlos de Guatemala (USAC). Zu empfehlen ist hierbei das Portal de Revistas de Guatemala, das in Guatemala publizierte wissenschaftliche Zeitschriften verzeichnet. Elektronische Bücher, die meist als PDF kostenfrei zur Verfügung und ohne Authentifizierung zur Verfügung stehen, können am besten über den OPAC der Universitätsbibliothek (Suche einschränken auf elektronische Bücher) recherchiert werden.

Die letzt genannten Institutionen haben zudem in letzten Jahren verstärkt daran gearbeitet, die Abschlussarbeiten ihrer Studierenden digital verfügbar zu machen. Die Universidad Rafael Landívar hat beispielsweise die ab 2001 abgeschlossenen Abschlussarbeiten in elektronischer Form in ihrem Tesario Virtual verzeichnet; die USAC bietet einen Zugang auf ihre digitalen Abschlussarbeiten über ihren OPAC an.

Ist der digitale Zugang zu aktueller Forschungsliteratur recht gut, so gibt es bislang nur wenig digitale Sammlungen mit historischem Material. Die beiden zentralen Gedächtnisinstitutionen des Landes, die Biblioteca Nacional „Luis Cardoza y Aragón“ und das Archivo General de Centro América, verfügen bislang noch nicht über digitale Sammlungen, arbeiten allerdings am Ausbau ihrer digitalen Recherche- und Findmittel.

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Screenshot_2020-05-07-Himno-al-Dr-Juan-José-Arévalo-1.png

Das Centro de Investigaciones Regionales de Mesoamérica (CIRMA) hat mittlerweile begonnen, schrittweise seine historischen Bestände zu digitalisieren. Kürzlich wurden beispielsweise eine ganz Reihe an historischen Fotografien, die zu Beginn des 20. Jahrhunderts entstanden sind, aus dem privaten Nachlass des guatemaltekischen Intellektuellen José Manuel Montúfar Aparicio digital zugänglich gemacht. Auch das ein oder andere Einzeldokument findet sich nun über die Homepage, bspw. auch diese Hymne an Juan José Arévalo.

http://cirma.org.gt/glifos/index.php/ISADG:GT-CIRMA-FG-190-002-005-010

Es bleibt zum einen zu hoffen, dass diese Digitalisate in näherer Zukunft nachnutzbar gemacht werden, bspw. als Download in unterschiedlichen Datentypen sowie über gängige Schnittstellen und Austauschformate. Ebenso erfreulich wäre es, wenn diese bedeutende Institution die Digitalisierung ihrer umfangreichen Bestände, zu denen nicht nur Nachlässe von Privatpersonen, sondern auch von NGOs und anderen guatemaltekischen Institutionen zählen, weiter vorantreiben könnte.

Mit Ausnahme der Facebookseite Fototeca Digital Quetzaltenango, die zwar beeindruckende Bilder, aber keine Metadaten oder Quellennachweise mitliefert, finden sich so ein Großteil an digitalisierten historischen Dokumenten in den US-amerikanischen und europäischen Archiven und Bibliotheken. Beispielshaft sei hier die New York Public Library oder die Nettie Lee Benson Collection genannt, in deren digitalen Beständen sich u.a. auch diese beeindruckende historische Karte von Santiago Atitlán von 1585 findet.

In den digitalen Wissensbeständen Guatemalas spiegeln sich nicht nur globale Machtasymmetrien und Ressourcenknappheit, sondern auch die Geschichte des Landes wider. Der 36jährige Bürgerkrieg (1960-1996), der wahrscheinlich mehr als 250 000 Menschen das Leben kostete, hat deutliche Spuren in dem zentralamerikanischen Land hinterlassen. Angesichts der bis heute anhaltenden gesellschaftlichen, politischen und juristischen Aufarbeitungsprozesse mag es somit kaum verwundern, dass derzeitige digitale Dokumentations- und Informationsinitiativen vor allem im Bereich der Erinnerungskultur und Menschenrechte angesiedelt sind.

Als wahre digitale Schatzkammer entpuppt sich in diesem Zusammenhang die Webseite Memoria Virtual Guatemala. Das Projekt wird von verschiedenen öffentlichen und zivilgesellschaftlichen Institutionen getragen und bietet einen ausgezeichneten Überblick über die unterschiedlichen Akteure im Bereich Erinnerungskultur und Menschenrechte.  Zur Webseite gehört ebenfalls die digitale Biblioteca de Memoria, die nach Kategorien, Akteuren sowie Materialtypen durchsuchbar ist und unterschiedliche  Ressourcen – von Kurzfilmen, über Forschungsliteratur bis hin zu Berichten – umfasst.  Alle Materialien stehen hier kostenfrei und digital zur Verfügung. Die Webseite ist zudem ein guter Startpunkt, um verschiedene zivilgesellschaftliche Institutionen in dem Land zu identifizieren, die sich mit Erinnerung und Vergangenheitsbewältigung in dem auseinandersetzen. Ihre Eigenpublikationen, Berichte haben diese NGOs stellen diese oftmals selbst online, ein Besuch der Webseiten dieser NGOs lohnt sich also allemal.

Über die Webseite Memoria Virtual Guatemala erreichen Interessierte zudem das spannende Projekt Mapeo de la Memoria, das eine digitale Kartierung der Erinnerungskultur Guatemalas vornimmt. Über eine georeferenzierte Landkarte Guatemalas können Orte angesteuert werden, die für das kollektive Gedächtnis des Landes eine besondere Rolle spielen. Das Besondere: es ist partizipativ angelegt. Bei diesem Crowdsourcing-Projekt können Individuen und Organisationen Fotos, bspw. von Wandmaterialien, Audiodateien, Videos oder Texte zu einem Ort einreichen, der an die Opfer des bewaffneten Konflikts erinnert – vergleichbar mit dem „Stolpersteinprojekt“  im deutschsprachigen Raum, nur eben virtuell.  Die georeferenzierten Ressourcen sind übrigens auch in der oben genannten „Biblioteca de Memoria“ verzeichnet und über diese recherchierbar.

Über einen wichtigen digitaler Fundus, gerade im Hinblick auf Vergangenheitsbewältigung und historische Forschung, verfügt das Archivo Histórico de la Policía Nacional . Im Rahmen eines groß angelegten kooperativen Digitalisierungsprojekts mit der Texas University Libraries ist in den Jahren von 2005 bis 2009 ein Großteil des Archivbestands digitalisiert worden. Heute steht  über diese Webseite der Forschung eine beeindruckende Zahl an digitalisierten Polizeiakten zur Verfügung, welche die repressive Arbeitsweise der guatemaltekischen Polizei detailliert beschreiben und als wichtige Quellen für diverse Fragestellungen dienen. Alle Onlineressourcen stehen Interessierten hier kostenfrei zur Verfügung.

Abschließend sei noch auf das kooperative Kunstprojekt Guatemaladespues verwiesen, das von der Organisation „Ciudad de la Imaginación“ in Quetzaltenango und der The New School durchgeführt wurde. In den digitalen Sammlungen finden sich die Kunstwerke bzw. deren Reproduktionen sowie Materialien, die im Laufe des Schaffensprozess entstanden sind und die Arbeit des Projekts dokumentieren. Durchsuchbar sind diese verschiedenen Ressourcen bspw. nach Themen, Ausstellungen oder Kunstwerken.

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